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Die „Aha-Falle“ der Persönlichkeitsentwicklung

  • David Sluzewski
  • 11. Januar 2025
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Fluch und Segen von Psychologie

Zunächst mal sei erwähnt wie wichtig es für jeden Menschen ist, sich mit der eigenen Psyche und mit dem was uns ausmacht zu beschäftigen. Sein eigenes Denken, Handeln und Fühlen zu reflektieren hilft zu verstehen, warum es uns so geht wie es uns geht. Nicht umsonst hat die moderne Resilienzforschung Selbstreflexion als einen der wesentlichen Resilienzfaktoren identifiziert. Das heißt einen Faktor, der wesentlich dazu beiträgt, dass wir schwierige Erlebnisse und Gefühle besser einordnen und verarbeiten können.

Längst ist es aber auch Trend geworden, sich breitere psychologische Kenntnisse anzueignen, die über das bloße Reflektieren von aktuellen Erlebnissen hinausgeht. Vor allem für Menschen mit traumatischen Erlebnissen in der Kindheit, ist das Verlangen oft groß, zu verstehen was mit einem „nicht stimmt“. In jeder guten Psychotherapie wird in irgendeinem Maß Psychoedukation betrieben. D.h. die Patient*in wird sachlich aufgeklärt, wie ihr Leiden bedingt ist und welche Ursachen dazu beitragen können, dass dieses bestehen bleibt. Hier wird der Fokus natürlich selbstverständlich darauf gelegt, dass die Patient*in erkennt, dass sie unter einem Beschwerdebild leidet und dass mit ihr nichts falsch ist.

Deshalb kann es zunächst schon einmal problematisch sein, wenn das intensive Erforschen von psychologischen Zusammenhängen, in diesem Kontext, im Alleingang geschieht und diese nicht von einer Fachfrau oder einem Fachmann in einen Therapie-/Coaching-Prozesses integriert werden.

Das übermäßige beschäftigen mit der eigenen Psyche kann nämlich schnell zu einem der größten Probleme werden und teil eines hinderlichen Verhaltensmusters sein, wenn es einem lediglich darum geht sich selber immer besser verstehen zu können. Nicht selten wird dabei auch die positive Kehrseite von inneren Dämonen komplett ignoriert. Das wirklich große Problem ist aber, dass Wissen alleine nur sehr wenig bringt. Breites Fachwissen wird in der westlichen Welt sehr glorifiziert und schon von klein an lernen wir in der Schule, dass Fachwissen die Hauptbefähigung für ein erfolgreiches Leben ist. Erfolgserlebnisse und das Gefühl von Selbstwirksamkeit erleben wir in der Schule im Zusammenhang mit guten Noten, welche meistens auf gutem Wissen und Kenntnissen beruhen. So wird unser Gehirn darauf trainiert, Glücksgefühle auszuschütten, wenn wir zeigen können was wir wissen. Wir fühlen uns dann besonders wertig.

Bildquelle: freepik.com

Raus aus dem Kopf, rein in die Irritation

Genau dadurch entsteht auch eine sehr gängige Falle, in die die meisten Leute tappen, wenn sie sich vorgenommen haben ihr Leben und ihr Wohlbefinden zu verbessern. Wovon ich rede ist der berüchtigte „Aha-Effekt“, wenn man mal wieder einen sehr schlauen psychologischen Ratgeber, Artikel, Buch, Instagram-Post, etc. liest. Das plötzliche Verstehen von komplexen Zusammenhängen des eigenen Lebens kann ein regelrecht erleuchtendes Gefühl erzeugen. Wenn man endlich versteht, warum man sich all die Jahre so verhalten hat und wie man sich mit diesem Verhalten sein eigenes Grab schaufelt, dann kann dies schon einmal eine Offenbarung sein und psychologisches Faktenwissen erscheint einem dann schnell als besonders dienlich. Diese Erkenntnise können natürlich, wie gesagt, dazu führen, dass man mehr empathisches Verständnis zu sich selber entwickelt. Es gibt nur ein riesengroßes Problem: Das Bescheidwissen über eigene Verhaltensmuster verändert diese nicht! Wie bereits angesprochen ist das euphorische Sammeln von Erkenntnissen und Wissen über sich selbst meist eher Teil eines hinderlichen Musters.

Das eigene System möchte, dass es uns gut geht, weswegen kognitive Erkenntnisgewinne mit Dopaminausschüttungen bestärkt werden. Was der Körper erstmal nicht will, ist Veränderung des bewährten Verhaltens und der damit verbundenen Irritation. Die letzte Erkenntnis in der Persönlichkeitsentwicklung, welche die größte Konsequenz nach sich zieht, ist die, dass die Persönlichkeit sich nur entwickelt, wenn wir Dinge anders tun als bisher. Wer kennt es nicht, dass man in Beziehungen immer wieder die gleichen Verhaltensweisen zeigt, obwohl man eventuell schon seit Jahren sich vornimmt Dinge jetzt endlich anders zu machen. Der Grund warum wir immer wieder in die gleichen Sackgassen laufen, ist der, dass unser Körper uns schützen möchte vor verheerenden Gefühlen, welche meist ihren Ursprung in traumatischen Erlebnissen aus der Kindheit haben.

Wir können dann zum Beispiel noch so viel lernen darüber, wie wichtig es ist in einer partnerschaftlichen Beziehung sich emotional zu öffnen. Wenn wir als Kind schmerzlich gelernt haben, dass unsere Emotionen zuviel oder unerwünscht sind, weil unsere Eltern damit keinen gesunden Umgang gezeigt haben, dann hat eine rein kognitive Erkenntnis darüber wenig bis gar keinen Effekt darauf, diese besser zeigen zu können.

Das Sammeln von psychologischem Wissen und rationalen Erkenntnissen zum Zwecke der persönlichen Weiterentwicklung führt oft dazu, dass man sich immer noch tiefer in den Kopf zurückzieht. Im Kopf herrscht Logik, Klarheit, Verstand und Schutz vor unangenehmen Gefühlen. Wirklich Veränderung unserer Selbst führt uns jedoch durch Angst, Wut, Trauer und Schmerz. Sehr schwere Emotionen, die anderswo in unserem Körper vergraben sind und die es verdient haben gefühlt zu werden.

Das Fazit ist also, dass Erkenntnisse über psychologische Zusammenhänge bei sich und Anderen erstmal nichts Schlechtes sind. Sie können uns helfen mehr empathischen Umgang zu entwickeln. Wenn dieses Mehr an Wissen aber nicht in die Tat umgesetzt wird, dann ist es sozusagen „totes Wissen“, wenn wir bezwecken damit unser Leben zu transformieren. 

Das Ausprobieren von Verhalten, das als förderlich erkannt wurde, welches aber zunächst mit viel Irritation verbunden ist, hilft bei Wiederholung das Gehirn neurologisch zu verändern. Mit der Zeit erkennt das eigene System, dass es keinen Grund gibt Angst oder Stress zu verspüren. Zu Beginn sind diese Reaktionen jedoch oft sehr groß, weshalb es eben oft ratsam ist, sich professionelle Unterstützung in Form eines Therapeuten oder Coaches zu holen. Auch kann man sich inspirieren, unterstützen und leiten lassen von liebevoll zugewandten Personen aus dem privaten Umfeld. Sollte man sich dennoch selber behelfen wollen, dann sollte man dies zielgerichtet machen. D.h. herausfinden, wo das größte, eigene Weiterentwicklungspotenzial ist und dann ein Übungsfeld für sich finden, wo man neues Verhalten ausprobieren kann, ohne sich in zu heftigen Emotionen zu verlieren. In der Erprobungsphase kann man dann darauf vertrauen, dass weiteres Wissen nicht notwendig ist und es darum geht Gefühle zu fühlen und zu verarbeiten.

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