Brutales Herrschertum, erbarmungslose Unterdrückung, rücksichtslose Frauenverachtung, Kriege, Genozide, Kolonialismus, Sklaverei, Terrorismus. Ganz ohne Zweifel gehen die größten historischen Gräueltaten nahezu alle auf Männer zurück. Man könnte auch sagen, dass alle relevanten, gesellschaftlichen Probleme, seit der Existenz des Menschen, von Männern herbeigeschworen wurden. Und trotzdem ist es nicht das ‚Mann-Sein‘ was einen Menschen grausam handeln lässt. Eine gesunde Männlichkeit ist in ihrem Wesen liebevoll und fürsorglich und ist in der heutigen, friedvollsten Epoche der Menschheitsgeschichte gefragter denn je.
Die Zeit, in der die einzigen wünschenswerten Tugenden eines Mannes Stärke, Durchsetzungsvermögen und Tapferkeit waren, ist lange vorbei. Es gibt für die Allermeisten keine Kriege mehr zu bestreiten, keine Familienangehörigen vor dem Hungerstod zu bewahren, kein Recht des Stärkeren und generell kein Überlebenskampf. Zumindest in Deutschland nicht. Und dennoch halten sich veraltete, männliche Stereotypen hartnäckig. Die Kriegsgenerationen wollten ihre Kinder auf eine brutale und erbarmungslose Welt vorbereiten, die sie selber am eigenen Leib, während des ersten und zweiten Weltkriegs, erlebt hatten. Die Nachkriegswelt war jedoch eine völlig andere. Sie war eine Zeit des ökonomischen Aufschwungs und des Kapitalismus. Eine vollkommene Verwirrung für die Baby Boomer-Generation, deren Eltern ihnen das Stark- und Tapfer-Sein besonders anerzogen hatten. Es wurden niemals Tugenden beigebracht, die in Zeiten des Wohlstands gefragt sind. Um sich irgendwie in dieser neuen Welt zurecht zu finden, haben vor Allem die Männer ihren anerzogenen Kampfgeist auf dem Schlachtfeld namens „Berufliche Karriere“ ausgelebt. Der Arbeitsmarkt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts belohnte materiell Jene, die viel und hart arbeiteten und sich aufopferten für Macht und Ansehen im Unternehmen. Dass Frauen als schwach angesehen wurden, war der Grund warum nahezu alle Führungskräfte in größeren Unternehmen Männer waren (und immer noch sind). Das Recht des Stärkeren wurde künstlich weitergelebt, auch weil dies vermeintlich das Einzige ist, was einem Mann Sinn im Leben gibt.
In den letzten 30 Jahren hat ein allmähliches Aufwachen stattgefunden. Die Rolle der Frau und die Rolle des Mannes hat sich weiterentwickelt. Männer und Frauen begegnen sich gesellschaftlich erstmals, punktuell auf Augenhöhe, sodass sich die klassische ‚Rolle‘ teilweise sogar auflöst. So langsam schleicht sich die Erkenntnis ein, dass ein empathisches Miteinander, statt ein dominantes Gegeneinander der Schlüssel für ein glückliches Mann-Sein in der heutigen Zeit sein könnte. Und dennoch leben die Weltkriegstraumata in den Köpfen der heutigen Generationen weiter. Für einen jungen, modernen Mann ist die Verwirrung deshalb nochmal immenser, weil Kriegermentalitäten nun endgültig obsolet geworden sind. Der heutige Mann ist wie ein Benziner-Auto. Er darf noch existieren, es wird jedoch von ihm verlangt, dass er sich neu erfindet. Er muss einen neuen Antrieb; ein neues Herz bekommen. Das moderne Mann-Sein muss sich neu definieren!
Warum 'gesunde' Männlichkeit?
Der mittlerweile geläufige Begriff der ‚toxischen Männlichkeit‘ wird passenderweise für jene Männer benutzt, welche weiterhin veraltete Werte ausleben, die vor Allem die Frau als Mensch zweiter Klasse interpretieren und das Recht des Stärkeren im Zentrum haben. Das Verhalten, das daraus resultiert, ist wie ein Gift für ihre Mitmenschen. Es vergiftet Beziehungen aller Art, vergiftet ihren Geist und Leben und vergiftet sogar die Umwelt und den Planeten. Daher der Begriff „toxisch“. Wichtig ist hierbei zu verstehen, dass dieses Gift nicht nur nach außen wirkt, sondern dass sich ein solcher Mann auch selber vergiftet. Es liegt nicht in der eigentlichen, ursprünglichen Natur des Menschen sich untereinander immer und überall zu bekämpfen. Was wir alle wollen ist inneren Frieden und wirkliche Verbundenheit und Liebe zu spüren. Etwas was Menschen mit Toxizität für sich nicht erreichen können. Zumindest haben sie nie gelernt, wie das geht. Was im Kern auch sehr tragisch ist. Ich behaupte deshalb, dass der Mann im Kollektiv, heutzutage das erste Mal seit tausenden Jahren die Möglichkeit hat, wirklich in Frieden zu sein. Das gleiche gilt natürlich auch für die Frau, welche eventuell irgendwann nicht mehr unter toxischer Männlichkeit leiden muss.
Innerer Frieden, Liebe, Verbundenheit und die Abwesenheit von Stress sind wesentliche Eckpfeiler der Gesundheit von Körper und Geist. Eine Form der Männlichkeit, welche dies fördert, kann demnach als „gesund“ bezeichnet werden. So wie toxische Männlichkeit ihr Umfeld viral vergiftet, kann eine gelebte, gesunde Männlichkeit ihr Umfeld gesund erhalten und Gesundheit herstellen. Die Weiblichkeit muss in diesem Punkt nicht differenziert werden, weil gesundheitsförderliche Tugenden schon immer Teil der traditionellen Weiblichkeit waren.
Wie sieht gesunde Männlichkeit aus?
Durch das bisher Genannte entsteht im ersten Moment vielleicht der Eindruck, dass gesunde Männlichkeit etwas innovatives und revolutionär Neues ist. Eine neue Erfindung, wie die des Quanten-Computers oder des selbstfahrenden Autos. Gesunde Männlichkeit ist aber eigentlich etwas total Simples in ihrer Gestalt, und doch für viele so schwer zu leben. Auf einem abstrakten Level drückt sich gesunde Männlichkeit ganz einfach dadurch aus, dass ein Mann sich selber und seinem Umfeld auf liebevoller Augenhöhe begegnet. Stärke drückt sich hierbei aus, durch die Bereitschaft zu helfen und Hilfe anzunehmen. Stärke wird generell genutzt um Sinn zu stiften und das Leben von anderen zu schützen und zu verbessern. Stärke wird explizit nicht genutzt, um unnötige Kämpfe zu gewinnen oder herbeizuschwören; um in Diskussionen zu dominieren oder um Ansehen zu generieren. Wer ein Musterexemplar für gesunde Männlichkeit studieren möchte, der schaue sich Aragorn aus Der Herr der Ringe an (Mehr die Film-Version, als die Buch-Version).
Darüber hinaus ist ‚Verletzlichkeit‚ das große Stichwort. Die Fähigkeit Emotionen fließen zu lassen und diese auszudrücken, ist wesentlich für ein gesundes Leben. Ein Mann, der in seinem tiefsten Inneren die Gewissheit hat, dass er nicht für seinen Wert kämpfen muss, kann sein Herz weit öffnen, in dem Vertrauen, dass er okay ist, egal wie viel Schwäche er zeigt. Die Gewissheit gibt sich der gesunde Mann stets selbst und sucht sie nicht durch Bestätigung in seinem Umfeld. Durch dieses stabile Wertigkeitsgefühl, muss der Mann sich weder unterwerfen, noch auf andere (vor allem Frauen) herabsehen, noch sich behaupten oder verteidigen. Es kann durch wahrhaftige Augenhöhe, wirkliche Verbundenheit entstehen. Daraus resultieren liebevolle Beziehungen, geistige und psychische Gesundheit und ein erfülltes, hassbefreites Leben. Es gibt dann absolut gar keinen Anlass mehr, fieses, toxisches Verhalten zu zeigen.
Wie entsteht gesunde Männlichkeit?
Hier sind wir nun leider auch an einem essentiellen Knackpunkt angelangt: Gesunde Männlichkeit ist stark an psychische Gesundheit gekoppelt. Ich sage „leider“, weil psychische Probleme eben oft der Grund sind, warum gesunde Männlichkeit nicht gelebt werden kann. Es ist eben leider nicht so einfach, dass der böse Mann sich abscheulicherweise frei dazu entscheidet, toxisch zu sein. Die Kriege der letzten Jahrhunderte haben Männer mit einer derartig unmenschlichen Gewalt konfrontiert, dass selbst die überlebenden Soldaten, zum Teil, innerlich gestorben sind. Diese daraus resultierenden, tiefen Traumata haben dazu geführt, dass diese Männer einen eisernen Panzer um ihr Herz geschlossen haben und Wut, Hass und Verachtung die vorherrschenden Gefühle geworden sind. Väter konnten gar nicht anders als gewaltvoll zu sein. Jeder Sohn war ein Nagel, weil sie nicht anders konnten, als ein Leben als Hammer zu führen. So wurden diese Traumata bis heute von Generation zu Generation weitergegeben. Männer, die sich heute dazu entscheiden, diese Traumata in sich zu heilen, sind mit einer Mammutaufgabe konfrontiert. Der vermeintlich einfachere Weg, ist es immer gewesen, sich einem gewaltvollen Leben mit dem Recht des Stärkeren hinzugeben. Zumindest für eine Zeit. So lange bis die seelische Armut spätestens im hohen Alter überhand nimmt und man sein gelebtes Leben aufs bitterste bereut.
Man könnte argumentieren, dass Männer, die ihren Schmerz nicht mehr unterdrücken und entschlossen nach einem „Gegengift“ suchen, von jetzt auf gleich ihre gesunde Männlichkeit erlangen. Selbstreflexion, im Angesicht von nicht-förderlichem Verhalten, ist an sich schon zutiefst nicht-toxisch. Gelöbnisse der Besserung, mit aktiven Maßnahmen, noch viel mehr. Es ist dabei essentiell, dass man sich als Mann auch mit veralteten gesellschaftlichen Normen und veraltetem Sprachgebrauch auseinandersetzt. Die Wunden der strukturellen Unterdrückung der Frau sind tief und Normen oft noch nicht ausreichend geändert und auch wenn man eigentlich reinen Herzens handelt und spricht, kann man unbeabsichtigt Leid verursachen. Gleichzeitig ist es genauso essentiell, dass Frauen Männer in ihrem Besserungsvorhaben unterstützen und nicht bei jedem kleinen Vergehen, sie in die Schublade des brutalen Patriacharts stecken, aus der sie auf Grund ihres Mann-Seins nie wieder herauskommen können. Eine gesunde Haltung erlaubt Fehler. Es geht darum liebevolle Augenhöhe zu gewinnen, nicht Perfektionismus zu kultivieren.

Am aller einfachsten entsteht gesunde Männlichkeit aber durch einen gesunden Entwicklungsprozess vom Kindesalter an. Nach wie vor ist der Nummer 1 wichtigste Erziehungseinfluss der beziehungsmäßige Umgang der Eltern miteinander. Wird dem Kind eine liebevolle Beziehung auf Augenhöhe vorgelebt und erfahren es und seine Geschwister gleichermaßen bedingungslose Liebe, Wärme und Geborgenheit, so wird das Heranwachsen von toxischen Eigenschaften im Keim erstickt. Hass, Wut und Trauer unterliegen Gefühlen von empathischem Mitgefühl, Selbstsicherheit und innerer Ruhe.
Deswegen ist es essentiell, dass wir Männer lernen, heute das nachzuholen, was bei ganz vielen von uns früher versäumt wurde. So schwer es auch ist! Wir müssen lernen unser Herz zu öffnen und unseren Wert, unabhängig von Ansehen zu spüren. Für viele ist der Gang zu einem Psychotherapeuten oft der erste richtige Schritt in diese Richtung. Ich coache darüber hinaus Männer in ihrer gesunden Männlichkeit, um direkt erlebbar, in ganz konkreten Situationen des Alltags, neue Handlungsmöglichkeiten und ein neues Erleben zu erlangen. Wir stehen in der Verantwortung, unsere Welt heute und nach uns, gesünder zu machen und dem transgenerationalen Fluss von Hass und Verachtung Einhalt zu gebieten.

