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Trauma Schule

  • David Sluzewski
  • 8. Februar 2025
  • Keine Kommentare

Die Schule – Bildung macht ein Land erfolgreich und modern! Da es Deutschland wirtschaftlich ja so gut geht, muss die Schule in Deutschland folglich ein wahres Aushängeschild sein im internationalen Vergleich. Wie das Krokodil, das sich seit Jahrmillionen nicht weiterentwickelt, weil es von der Evolution als perfekt angesehen wird, hat sich die Schule in den letzten 50 Jahren wenig bis gar nicht verändert. Und wer jetzt meint anbringen zu müssen, dass dies nicht stimmt, weil ja keine körperliche Misshandlung seitens der Lehrer mehr ausgeübt wird und weil ja jeder Klassenraum nun einen Beamer oder ein Smartboard hat, der sollte unbedingt weiterlesen!

Jeder musste den Großteil seiner Kindheit und Jugend in ihr verbringen. Kaum einer ging gerne hin, und die, die es taten, hatten ihre schönen Erinnerungen fast nie wegen des Unterrichts und dem Leistungserbringen im Klassenraum. In Deutschland wird heutzutage gegen alles protestiert. Gegen Klimawandel, Rechtsextreme, die Regierung, für Frauenrechte, LGBTQ-Rechte, Immigrantenrechte, etc. Alles gute und wichtige Gründe um auf die Straße zu gehen und seine Stimme kund zu tun. Worum sich aber kaum jemand in Deutschland interessiert, ist die systematische, emotionale und psychische Verkümmerung von der Mehrheit der Kinder und Jugendlichen an deutschen Schulen. Dass Menschen durch eine teilnahmepflichtige Institution in den entwicklungsintensivsten Jahren ihres Lebens in ihrem Lebensgeist gebrochen werden und lernen ihren Wert an Leistung zu koppeln, scheint nur zu wenig Aufruhr zu führen. Viel schlimmer noch: Es wird als so normal angesehen wie das „Amen“ in der Kirche. Wir mussten ja schließlich alle da durch und nur wer viel leistet und die Prüfungshölle mit Exzellenz und ohne Stresserkrankung übersteht, hat die Möglichkeit ein erfolgreicher Mensch zu werden (Betonung auf ‚werden’… Kinder und Jugendliche sind ja bekanntlich noch nichts und müssen ja erst noch etwas werden!). An der Stelle beende ich einmal den Sarkasmus und werde in einem angemessen sehr ernsten Ton über die fatalen Folgen des deutschen Regelschulsystems für die gesunde Entwicklung in’s Erwachsenenalter sprechen.

 

Wie es sein könnte

Mal ein kurzes, idealistisches Gedankenexperiment wie Schule ablaufen könnte, um einen nachhaltig positiven Einfluss auf einen heranwachsenden Menschen zu nehmen:

  1. Stärken und Fähigkeiten einzelner Schüler*innen werden früh in einem breiten Spektrum erkannt und individuell gefördert. 
  2. Es wird sich aktiv bemüht, von Seiten der Schule, Motivation und Lerngeist zu wecken und aufrechtzuerhalten. Lernwille wird nicht als selbstverständlich vorausgesetzt.
  3. Unterrichtsthemen werden in diesem Zuge mit den Sinnen erlebbar gestaltet und didaktisch effektiv in einem stimulierenden Lernumfeld dargeboten.
  4. Durch die individuelle Förderung und zugeschnittene Lernkonzepte, besteht der Schulalltag für die meisten Schüler*innen aus stressarmen Erfolgserlebnissen, die ihre Selbstwirksamkeit stärken.
  5. Benotungen sind demnach überflüssig und Hausaufgaben existieren nicht, weil Lernerfolge organisch während des kompakten Schulunterrichts generiert werden.
  6. Es werden Pflichtkurse angeboten wie „Kritisches Denken“, „Empathische Kommunikation“, „Haushaltsführung“, „Vermögens- und Altersvorsorge“, „Steuer und Sozialversicherung“, etc…

Die Schüler*in macht einen Abschluss mit einem Zeugnis, welche ihre besonderen, erlernten Kompetenzen hervorhebt und ihre Talente widerspiegelt, sodass zukünftige Bildungseinrichtungen und Arbeitgeber erkennen können, ob geeignete Qualifikationen vorliegen.

Wer bei dieser arbiträren Aufzählung alternative Schulkonzepte wie Waldorf wiedererkennt, der darf an dieser Beobachtung gerne festhalten! Nun zu dem Status Quo an den Regelschulen und der erschütternden Realität.

 

Wie es stattdessen ist

Beginnen möchte ich mit dem Thema, welches wohl den einschneidendsten Effekt auf die psychische Gesundheit hat: Schulnoten! Wo wären wir als Gesellschaft, wenn wir früh Introspektion und Selbstreflexion beigebracht bekämen, sodass wir schon im Kindesalter erkennen könnten, was unsere Stärken sind und daran festhalten können. Stattdessen wird uns ab den ersten Schuljahren klargemacht, dass wir ganz am Anfang stehen und noch gar nichts wissen und gar nichts können. Schule schafft es dann mit beeindruckender Effektivität jedes Gefühl von Selbstwert an die Zahlen eins bis sechs zu koppeln. Bekomme ich eine zwei, bin ich ein guter Mensch, der etwas weiß und kann, bekomme ich eine fünf, bin ich ein schlechter, unfähiger Mensch. Dies mag übertrieben klingen, ist aber genau das, was bei den meisten passiert, gefördert auch durch fatales Feedback zu erhaltenen Noten von Seiten der Eltern. Gekoppelt mit dem immer noch beliebten und berüchtigen „Teaching to the Test“, d.h. den gesamten Unterricht als Vorbereitung auf die nächste Prüfung zu umrahmen, und das Desaster ist perfekt. Wer eine schlechte Note erhält, war nicht fleißig genug und muss sich mehr anstrengen. 

Man stelle sich nebenbei kurz vor, dass man einen erwachsenen Sozialarbeiter abstraft, dass er sein eigenes Auto nicht reparieren kann, oder einen KFZ-Mechaniker, dass er seine eigene Website nicht selber designen kann. Ist doch auch einfach nur schlechte Kompetenz von deren Seite… oder? Ja es gibt Grundkompetenzen, die erlernt werden müssen, aber nein, es gibt keine ausreichende Differenzierung des Unterrichts, sodass der Punkt schon nach den ersten Jahren der weiterführenden Schule steht. Zudem liegt der Fokus bei dem Unterricht immerzu auf ‚Bestehen‘, statt auf Vermittlung von Wissen und Kompetenzen.

Vor allem soziale Kompetenzen sind oftmals gar kein aktives Thema an deutschen Schulen. Natürlich schon, wenn ein Schüler in der Hinsicht negativ auffällt. Dann wird er schnell als ungezogen abgestempelt und es müssen (bestrafende und korrigierende) Maßnahmen ergriffen werden. Soziale Kompetenzen als eine wesentliche Kernkompetenz aktiv zu fördern, wird aber meistens nur an „Brennpunktschulen“ oder Schulen mit besonderem Förderschwerpunkt durchgeführt. Vor Allem Mädchen dürfen sich freuen, dass ihr meist hervorragender, emotional unterstützender Umgang mit Freundinnen vom System gar nicht gewürdigt wird. Lieber sie dumm fühlen lassen, weil sie in der Mathearbeit die binomischen Formeln nicht mehr hochwürgen konnten. Für jeden Arbeitgeber ist soziale Verträglichkeit aber sofort das wichtigste Thema später. Passt nicht so ganz zusammen, meiner Meinung nach. 

Das Schlimme ist, dass es bei diesem System nur Verlierer geben kann. Schüler mit schlechten Noten fühlen sich dumm und unwertig und Schüler mit guten Noten fühlen sich aus den falschen Gründen heraus wertig. Die Gesellschaft belohnt sie später mit Ansehen und Karriere. Beide Parteien nehmen aber lediglich als Kernglaubenssatz mit: „Ich muss leisten, damit ich was wert bin!“. Der Nummer 1 Hit für die anbahnende Schwerdepression.

Wichtig ist mir an dieser Stelle einmal zu betonen, dass Lehrer*innen heutzutage meist wenig bis gar nicht in die Schuld zu nehmen sind. Ich selber habe Jahre lang in einer Klasse von 34 Schülern gearbeitet und erlebte wie Lehrer*innen durch das reine Lehrplan-Durchziehen schon maximal auf dem Zahnfleisch laufen. Sehr viele von ihnen würden gerne positive Werte vermitteln und einzelnen Schüler*innen bei einer gesunden Entwicklung helfen, gehen aber schier unter in ihrem sonstigen Workload, während die Schüler*innen untergehen in einem Meer von Mitschüler*innen, sodass niemand von ihnen die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient hätten. So lange der Lehrplan aber abgearbeitet wird, läuft ja alles perfekt aus Sicht des Schulsystems.

Als nächstes kommen wir zu dem Thema ‚Hausaufgaben‘. Hier das nächste Gedankenszenario: Du arbeitest in einem Job, den du nicht magst und kommst nach einem anstrengenden Arbeitstag endlich nach Hause. Dein Soll ist erfüllt und du willst deinen wohlverdienten Feierabend genießen. Doch daraus wird nichts, weil dein Chef von dir verlangt, dass du in deiner Freizeit weiter an einem Projekt arbeitest. Was das wohl mit deinem langfristigen Wohlbefinden anstellt? Nach der Arbeit keinen mentalen Abstand von dieser zu finden, ist einer der wesentlichen Mitverursacher einer Burnout-Depression. In der Schule aber ganz normal. Schüler*innen müssen schließlich üben, damit sie das Gelernte verinnerlichen… richtig? Falsch! Es ist eindeutig wissenschaftlich belegt, dass Hausaufgaben nicht den angedachten Effekt haben, den sich das Schulsystem wünscht und deshalb nahezu komplett überflüssig sind. Mich traf deshalb auch regelmäßig der Schlag, wenn ich wieder mal vernahm, dass sich Eltern von Lehrer*innen gewünscht haben, dass diese mehr Hausaufgaben aufgeben, weil ihr Kind eine zu schlechte Note in der Klassenarbeit geschrieben hat. Hier wird klar, wie ein komplett misständiges System resilient gegen Veränderung ist. Kinder haben kein Mitspracherecht und Eltern empfinden es als gut wie es ist. Wo soll da ein Veränderungsimpuls entstehen?

Wir wissen nun also schon, dass Schüler*innen durch Schule lernen, dass nur wer gute Leistung erbringt, ein wertvoller Mensch ist und dass es normal ist in der Freizeit sich mit Arbeit zu beschäftigen. Was sie definitiv nicht lernen, sind essentielle Kompetenzen wie empathisches Einfühlungsvermögen, ausgewogene Selbstreflexion und wie man seine Pflichten als angehender Erwachsener bewältigt. Dafür sorgt eine exklusive Auswahl an Unterrichtsfächern, die rein dafür da sind entweder Nachschlagwissen in die Köpfe zu pumpen, oder überglorifizierte Fach- und Sprachkompetenzen zu vermitteln. Diese werden durch das Lernumfeld auch durchwegs so vermittelt, dass sie möglichst wenig erlebbar und greifbar sind und dadurch gar nicht effektiv und nachhaltig erlernt werden. Die ach so wichtigen Hauptfächer werden dann am meisten gewichtet. Dabei könnte ich jede Menge Argumente anbringen, dass der Sportunterricht, an den meisten Schulen, noch den größten Mehrwert generiert. Aber auch dort wird ohne Ende falsch gemacht. Wie man gesundheitsbewusst mit seinem Körper umgeht und wie man diesen stärkt und fit hält, wird einfach gar nicht vermittelt. Stattdessen darf jeder sich regelmäßig wieder wie ein Vollversager fühlen wenn er eine 4 reingedrückt bekommt, weil er nicht so hoch springen kann wie seine Mitschüler*innen.

Damit sind wir auch bei dem letzten Punkt auf den ich eingehen möchte, auch wenn es noch seitenweise mehr über das Versagen des deutschen Schulsystems zu berichten gäbe. Vergleichen und Konkurrenzdenken sind die Stichwörter. Das urdeutsche Effizienzgebot sieht eine Klasse aus 34 Schüler*innen mit einer Lehrer*in, die frontal Fragen stellt, während dann eine Schüler*in drangenommen wird und der Unterricht fortschreitet, und hält dieses Szenario für perfekt. Warum sollte es auch anders sein? Wenn man mit Leuten über das Thema Schulunterricht spricht, dann haben die allermeisten genau so ein Bild vor ihrem inneren Auge. An dieser Stelle der kurze Zwischenbemerk: Ja, es wird heutzutage viel weniger frontal als früher unterrichtet und ja, das ist ein Schritt in die richtige Richtung, wenn gleich dies ähnlich nennenswert ist, wie dass in Industrienationen weniger Kohlekraftwerke gebaut werden, als Vergleich. Es sollten bestenfalls gar keine mehr gebaut werden! Es sollten allerbestenfalls eintausend zusätzliche Veränderungsmaßnahmen ergriffen werden. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass der Klimawandel gestoppt werden muss, genauso weiß man eigentlich, dass Unterricht an Schulen überholt werden muss. In allen Bereichen!

Um zum Thema zurückzukommen: Wer kennt es von früher… man zeigte auf, weil man einen tollen Wortbeitrag auf den Lippen hatte. Es wurde aber jemand anderes drangenommen. Da dieser Jemand einen exzellenten Beitrag brachte und von der Lehrer*in gelobt wurde, freuten wir uns sehr für sie/ihn. Ach nein, halt! So war das natürlich nicht. In Wirklichkeit fühlten wir uns unterbewusst frustriert und übertrumpft und hegten eventuell sogar Groll gegen die Lehrer*in oder die Mitschüler*in. Bei manchen waren solche Emotionen stärker, bei anderen wurde das systematische Gegeneinander im Klassenraum resigniert hingenommen. Man wurde ja schließlich dahin erzogen still zu sein und den Finger zu heben, damit die Lehrer*in sieht, dass wir artige Schüler*innen sind. Es gibt psychologische Experimente, bei denen festgestellt wurde, dass Teamarbeit mit vermeintlich unsympathischen Mitmenschen wunderbar gelingen kann, wenn man ein gemeinsames Problem zu lösen hat. Ein Miteinander zu fördern ist in der Schule aber oft kontraproduktiv, weil man ja dann nicht mehr so einfach und klar nach jeder Stunde den Notenstempel auf die Stirn drücken kann. Und solange die Schüler*innen merken, dass sie die Lernaufgaben nur machen sollen, um eine gute Note zu bekommen, herrscht sowieso Unlust und Demotivation.

Die „Problemkinder“ und „Rabauken“, wie sie alle stigmatisiert werden, weil sie nicht artig sind, keine Leistung zeigen und im Unterricht alles machen, nur nicht ihre Aufgaben, werden in der Schule regelrecht als Teufelskinder hingestellt. Lustig aber, dass an dem Spruch, dass die artigen Schüler später für die ehemals unartigen Schüler arbeiten werden, einiges an Wahrheit dran ist. Der „Rabauke“ macht nämlich meistens eines: Er leistet Widerstand gegen ein System, das versucht ihn/sie zu brechen und in vorbestimmte Bahnen zu lenken! Eine abstruses Drama, das allen Parteien Nerven ohne Ende kostet. Der eigentliche Leidtragende ist aber immer der „Rabauke“. In jungen Jahren haben die meisten Schüler*innen nicht das Selbstbewusstsein, um gegen Verurteilung und Bestrafung mental Stand zu halten. Sie fangen an sich als abtrünnige, schlechte Menschen zu identifizieren, mit katastrophalen Auswirkungen für den weiteren Lebensverlauf. Dabei haben sie rein gar nichts falsch gemacht! Alles was sie tun, ist nach Bildung zu verlangen, die sie persönlich abholt. Wenn man diese vermeintlichen „Problemkinder“ in das richtige Lernsetting platziert, ist in den meisten Fällen das Rabauken-Dasein von jetzt auf gleich passé. Ganz ohne Bestrafung, emotionaler Gewalt und Elterngesprächen. Dieses Lernumfeld ist dann auch zufällig genau das, was allen anderen Schüler*innen ebenfalls gut tun würde.

Die Themen Selbstbewusstsein und stabiler, emotionaler Rückhalt, halte ich für jede Schüler*in, die den normalen Schulwahnsinn durchmachen muss für essentiell. Wie sehr das Trauma Schule sich in den Köpfen und vor Allem in den Herzen der Menschen manifestiert, darauf haben die Eltern, bzw. die primären Bezugspersonen, den meisten Einfluss. Werde als Elternteil nicht zum Komplize eines veralteten und kaputten Systems. Dem eigenen Kind Selbstbewusstsein und empathische Nächstenliebe beizubringen und dafür Sorge zu tragen, dass sie/er eine glückliche Kindheit hat, mit Schutz vor emotionaler Gewalt und Leistungswahn, ist hundert Mal wichtiger, als alles Fachwissen der Welt und ein Einser-Abitur.

Schule in ihrer heutigen Form ist Gift für Gesundheit und Entwicklung der Menschen und zahlreiche gesellschaftliche Probleme haben im Schulsystem ihren Ursprung. Das Schulsystem grundlegend zu reformieren muss oberste Priorität der amtierenden Regierung sein und sollte vom Bund aus länderübergreifend durchgeführt werden.

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