Wie führe ich ein glückliches Leben? Die, die es tun, denken nicht darüber nach und die Unglücklichen zerbrechen sich den Kopf. Man kennt dieses Gefühl, wenn man im Urlaub ist und für ein bis zwei Wochen von allen Problemen loslassen kann. Es geht nur noch darum den heutigen Tag zur Gänze zu genießen und alles worüber man sich Gedanken macht, ist welchen Strand man als nächstes besuchen, oder welchen Cocktail man als nächstes bestellen möchte. Der räumliche Abstand hilft dann auch, sich von dem stresserfüllten Alltag zu distanzieren. Wenn man eine grundlegende Unzufriedenheit im Leben verspürt, dann sind Urlaube oft die einzigen Inseln in einem Ozean des Leids. Auf sozialen Medien kriegt man dann von „erfolgreichen“ Leuten das Traumleben vorgegaukelt. Hier wird man schnell in das endlose Karussell eingeladen, nach einem immer noch schöneren und perfekterem Leben zu streben. Nur wer nicht mehr leidet und jeden Tag als erfüllt wahrnimmt, hat ein glückliches Leben… richtig?

Es ist auf einer tieferliegenden Ebene nicht die Urlaubsreise an sich, die dafür sorgt, dass es uns so gut geht dabei. Der Urlaub wird oft nochmal schöner wahrgenommen, weil er eine Pause zwischen den Nadelstichen darstellt und noch viel mehr, weil unser Hirn in einen anderen Modus kommt. In einem erholsamen Urlaub gibt es für das Gehirn meist nur diesen einen Tag, diesen einen Moment. Gestern und Morgen verschwinden komplett von der Bildfläche und damit auch Sorgen und Ängste, oder andere starke Emotionen auf Grund von Vergangenem oder Zukünftigem. Wenn wir grübeln und nachdenken sind wir nämlich mit unserem Erleben komplett in unserem Kopf und nicht mehr bei der Realität um uns herum. Was im Urlaub passiert, ist eine Art meditativer Dauerzustand, weil das Gehirn sich bereitwillig auf das Hier und Jetzt einlässt.
Als ich vor vielen Jahren anfing mit Meditieren, war ich sehr überrascht wie sehr der Zustand einer tiefen Meditation, dem Gefühl im Urlaub zu sein gleicht. Im Urlaub fällt es einem leicht von Gedanken loszulassen, weil die Szenerie um einen herum uns meistens einlädt, diese mit all unseren Sinnen wahrzunehmen. Im Alltag zu Hause bekommen viele eine „Betriebsblindheit“ gegenüber den immer gleichen, vermeintlich langweiligen Eindrücken. Das Gehirn wird so noch mehr dazu eingeladen, sich in die Gedankenwelt zu flüchten oder durch Konsum abzulenken.
Die Frage, die sich nun stellt, ist warum das per se etwas schlechtes ist. Vielleicht ist dein Leben ja gänzlich langweilig, öde und unerfüllt? Intensives Nachdenken darüber, wie du Dinge verändern kannst, ist ja vielleicht zielführend, um in naher Zukunft mehr Glück und Freude zu verspüren. Sich Gedanken machen kann in gesundem Maße natürlich etwas Gutes sein, wenn man den Gedanken auch sinnvolle Taten folgen lässt.
Tatsächlich behaupte ich aber, dass das Leben ganz vieler Menschen, vor Allem in einem Land wie Deutschland, nicht so schlecht ist, dass akute, weitgreifende Verbesserungen von äußeren Umständen von höchster Dringlichkeit sind. Natürlich gibt es extreme Umstände, die lösungsorientiert verbessert werden sollten. Man kann viele Dinge aber auch machen und hinnehmen, ohne sie abgöttisch zu lieben. Oft gilt es Dankbarkeit zu praktizieren, für all Jenes in unserem Leben, was eigentlich gut ist!
Grundsätzlich gilt: Das angestrengte Streben nach guten Gefühlen ist ein negatives Erlebnis und das Akzeptieren schlechter Gefühle ist ein positives Erlebnis. Das ständige Grübeln über Erlebnisse und Probleme ist nämlich eine Form von Nicht-Akzeptanz von negativen Gefühlen. Es ist eine Flucht in den Kopf; Eine Möglichkeit Gefühle nicht nachzufühlen und lieber in einen kalten, intellektuellen Gedankenprozess einzusteigen. Tatsächlich ist dieser Drang zum Nachdenken in den meisten Fällen das Problem selber. Schlechte Gefühle vermeiden ist ein natürliches Bestreben des menschlichen Gehirns!
Wenn wir im Urlaub angekommen sind, kann das Gehirn deshalb ganz von alleine vom Nachdenken und Grübeln loslassen. Was das Gehirn aber möchte, ist dass dieser Urlaub ewig anhält.
Deswegen haben viele, während den ersten Tagen zurück auf der Arbeit, das Gefühl, dass sie direkt wieder urlaubsreif sind. Die wahrgenommene Diskrepanz zum Paradies der Vorwoche ist zu groß, das ‚Low‘ nach dem ‚High‘ knallt zu sehr rein. Durch dieses Auf und Ab, auch im Alltag, trainiert sich das Gehirn schon ab der Kindheit an, dass das Leben eine Aneinanderreihung von Nadelstichen und Pausen davon ist und, dass diese Pausen die einzige Zeit zum vermeintlichen Glücklichsein sind.
Menschen suchen, vergeblich, die unterschiedlichsten Wege, um Nadelstiche für immer aus ihrem Leben zu verbannen. Der wahrscheinlich vergeblichste ist das Streben nach Reichtum und Luxus. Ein bisschen besserer Ansatz ist wahrscheinlich das Hingeben zu Persönlichkeitsentwicklung, Spiritualität und Meditation. Man kennt den Mythos des buddhistischen Mönchs, der durch Meditation Erleuchtung erlangt hat und ein Leben in seligem Dauerglück führt. Was aber eigentlich passiert, ist dass durch beständige Meditation die Achtsamkeit für das was gerade da ist geschärft wird und dass durch diese Gegenwärtigkeit innerer Frieden entstehen kann… und was könnte jedoch jetzt gerade da sein? Richtig! Ein Nadelstich. Heißt das nun, dass ich lernen muss, auf masochistische Art und Weise, das Leiden in meinem Leben zu genießen? Nicht direkt, aber was wir nun mal sehr oft tun, ist negative Emotionen zu intellektualisieren, anstatt sie einfach in ihrer Gänze wahrzunehmen und in unserem Körper wirken zu lassen. Dadurch verarbeiten wir das Erlebte nicht und das Leiden wird nur noch mehr verstärkt.
Achtsamkeit auf den Moment gibt dem Gehirn auch Einblick darin, dass unsere Umgebung vielleicht gar nicht so öde und monoton, im Vergleich zu einer Karibikinsel ist. Was wäre, wenn man das Gefühl vom Urlaub auch bei einem einfachen Spaziergang haben könnte? Wie wunderbar wäre es, wenn man in Dankbarkeit aufgehen könnte und wenn man einfach mal die Wunder um sich herum als eben diese wahrnimmt. Negative Erlebnisse und Leiden gehören zum Leben dazu. Wer sich ständig deswegen den Kopf zerbricht und sich in Gedanken an morgen und gestern flüchtet, der beraubt sich selber einer guten Zeit im Hier und Jetzt. Dadurch entsteht die Illusion, dass nichts gut ist und man versinkt in einem Loch. Wer die Gegenwart genießt, hat in der Zukunft eine schöne Vergangenheit!
Forscher haben herausgefunden, dass eine ausgewogene Diversität an Emotionen ein Indikator für ein glückliches Leben ist. Das bedeutet: Ohne Leid kein Glück. Das heißt auch, dass das einfache Wahrnehmen von negativen Emotionen dich oft näher an ein glückliches Leben bringt, als das Vermeiden dieser. Deswegen dürfen Probleme auch einfach mal sein und Schmerz darf einfach mal in Körper und Geist gedankenfrei wahrgenommen werden. Dies ist auch ein Training von Achtsamkeit, das macht, dass wir besser erkennen können, wenn gerade mal alles gut ist und die ganzen Sorgen und Probleme gar nicht wirklich real sind.
Dies alles soll nicht bedeuten, dass Gedanken vermieden werden sollten. Akzeptanz ist das Stichwort! Gedanken und Emotionen zu unterdrücken, macht dass sie immer noch aufgeladener zurückkehren. Eigentlich ist Denken gar nicht das Problem, sondern eben das Nachdenken. Auch während einer Meditation ist das Ziel nicht, dass Gedanken aufhören. Gedanken zu produzieren ist auch eine natürliche Funktion des Gehirns. Was wir aber machen, ist einen Gedanken, der einfach gekommen ist, aufzugreifen und spinnen diesen dann immer weiter. Was wir durch Meditation und Achtsamkeitstraining lernen können, ist Gedanken einfach kommen und gehen zu lassen. Manchmal sind sie es wert, dass man sie innerlich ausführt, oft aber nicht.
Die Menschen, die ein glückliches Leben führen sind nicht jene, welche ein großes Haus, finanziellen Reichtum, ein schnelles Auto und ein Wohnsitz am Meer besitzen, sondern jene, welche es geschafft haben Gedanken einfach Gedanken sein zu lassen. Und auch jene, welche nicht immer und ständig vor ihrem Leid davonlaufen, sondern dieses mit offenen Armen in ihrem Leben willkommen heißen.
Deshalb sollte nicht der nächste Urlaub das Ziel sein. Das wahre Glück ist hier und heute und fühlt sich auch manchmal schlecht an. Bei dem, der dies akzeptiert und seinen Geist darauf trainiert, schwindet mit der Zeit das Auf und Ab und Urlaube verlieren ihre bisherige Bedeutung, weil man lernt sich viel häufiger auch im Alltag dankbar und glücklich zu fühlen.
Manchmal ist dies nur schwer möglich, auf Grund von vergangenen traumatischen Erlebnissen. In diesem Fall kann die Heilungsreise zum grübelarmen Hier und Jetzt von einem Therapeuten unterstützt werden. Das erfolgreiche Loslassen von störenden Gedanken ist eine Übung, in welcher man besser werden kann. Kleine Erfolge dürfen zelebriert werden und im Endeffekt ist auch hier Akzeptanz der Schlüssel. Auch Sorgen, Ängste und Grübeln gehören manchmal zum Leben dazu. Wer eine zutiefst schwierige Kindheit hatte, wird auch für immer mehr Leid in seinem Leben willkommen heißen müssen und je besser sie/er darin wird, umso besser leidet sie/er und umso glücklicher ist sie/er.

