Fast jeder Mensch auf der Welt hat eine Vorstellung von ihr. Jeder verbindet was mit dem Wort und die meisten sind sich einig, dass unsere Welt eine bessere wäre, wenn es mehr davon gäbe. Wenn jeder liebevoll, statt hasserfüllt zu seinen Mitmenschen wäre, dann würde es keine Kriege geben, keinen Streit, keinen Rassismus. Die Menschheit wäre vereint.
Das Interessante ist dabei, dass Liebe eine Nominalisierung von einem Tun ist; Ein Wort, dass man nicht auf eine Schubkarre laden, das man nicht anfassen und nicht sehen kann. Anders als das Wort „Sand“, das etwas physisches beschreibt, auf dessen Namensträger jeder mit dem Finger zeigen und sagen kann: „Da ist es!“. Das Problem mit solchen konzeptuellen Wörtern ist, dass jedes menschliche Gehirn etwas völlig anderes damit verbindet und nichts davon ist richtig oder falsch. Ich sage „Problem“, weil es im Falle von Liebe tatsächlich oft ein Problem ist, weil ich behaupte, dass sehr viele Menschen eine ungesunde Assoziation damit haben und ihre „Liebe“ auf eine Art ausleben, die meines Erachtens ein ganz anderes Konzept darstellt. Wie leider sehr viele ihr partnerschaftliches Liebesleben ausleben, ist dass sie anstatt zu lieben, sich von ihrem Partner abhängig machen.
Woher man seine persönliche Assoziation von Liebe her hat, da darf sich jeder an der Stelle auch gerne mal selber reflektieren. Wenn ich es mache, dann stelle ich fest, dass ich sehr beeinflusst bin aus Hollywood-Filmen aus meiner Kindheit. Serien spielten auch eine Rolle, sowie Pop-Songs und Bücher. Überall wird ein Bild von einem Liebesleben gezeichnet, das zutiefst romantisch in seiner Entstehung ist und wo meist ‚Er‘ alles für ‚Sie‘ machte, um ihre Gunst zu gewinnen, sodass sie ihm verfällt. Liebe wird als das Verschmelzen zweier Seelen portraitiert, wobei der Partner die gesamte Welt des Anderen einnimmt und alles Glück der Welt sich in der Partnerschaft akkumuliert. Nicht selten wird impliziert, dass Menschen die Single sind, glücklose Wesen sind, die ihr Lebensziel, die eine große Liebe zu finden, noch nicht erreicht haben und daher ein Dasein als Versager fristen.
Noch prägender ist natürlich das Liebesleben der eigenen Eltern (Der Nummer 1 prägende Entwicklungseinfluss, des gesamten Lebens.). In der Pubertät entsteht oft eine starke innere Dissonanz in der Wahrnehmung der Liebe der Eltern zueinander, weil Liebe in der Jugend als etwas schwer aufregendes, heißes und leidenschaftliches interpretiert wird. Etwas was die eigenen Eltern meistens nicht verkörpern, sodass schnell der Trugschluss entsteht, dass die Liebe zwischen den eigenen Eltern über die Jahrzehnte abgenommen haben muss. Tatsächlich findet oft keine hinreichende, innere Emanzipation von den anfänglichen Liebesversuchen aus der Pubertät statt, sodass schwierige Liebesvorstellungen mit in’s tiefe Erwachsenenalter genommen werden.

Sehr viele Menschen bekamen in der Tat eine dysfunktionale Partnerschaft vorgelebt und erfuhren zusätzlich zu wenig oder gar keine mütterliche und/oder väterliche Liebe. Die Trauma, die aus so einer Kindheit entstehen, erzeugen unsichere Bindungstypen und starke Sehnsüchte und Ängste im Umgang mit Partnerschaft und Liebe. Nicht selten wird unbewusst nach einer Beziehung gestrebt, in welcher der Partner einen Mangel von elterlicher Zuneigung aus der Kindheit kompensieren soll. Der Partner muss als Quelle für positive Gefühle herhalten. Die Sehnsucht nach angenommen werden, so wie man ist, ist so hoch, dass Zuneigung sich geradezu ekstatisch anfühlt. Und das ist auch der entscheidende Punkt: Es geht um einen selber, um die eigenen Gefühle.
In der Jugend „verknallen“ wir uns in Mitmenschen, weil wir ein schönes Äußeres mit einem idealisierten Bild der Persönlichkeit verknüpfen, ohne die Person, die auf einmal heiß begehrt wird, meist wirklich zu kennen. Die Gefühle des Verliebtseins sind auch später noch aufregend, kribbelnd und verzaubernd. Lauter tolle Gefühle, die nach dem Ablegen der rosaroten Brille quasi immer verschwinden. Denn die Realität ist leider ernüchternd: Kein Mensch ist so perfekt, wie wir ihn uns erträumen und keiner kann unsere Sehnsüchte dauerhaft bedienen. Am Ende kann uns dieser Partner eben doch nicht nur und immer großartig fühlen lassen. Oder viel wichtiger: Bindungen mit Menschen eingehen, zum einzigen Zwecke sich selber gut und lebendig fühlen zu lassen, könnte man als eine Form von Ausnutzung sehen. Was in dieser Form von „Liebe“ nicht existieren darf, sind gemeinsame Arbeit, empathisches Bemühen und Konflikte. Das hat das Gehirn, das eine Beziehung als Dopamin- und Oxytocin-Fontäne ansieht, sich nicht eingekauft.
Leider wird der Partner in diesem Szenario entmenschlicht und es handelt sich um Abhängigkeit, nicht um Liebe. Es ist wichtig festzuhalten, dass der Zustand des Verliebtseins und diese abhängigen Gefühle das Gegenteil von Liebe sind! Wer Liebe als fantastisch tolle Gefühle ansieht, der wird auch nach relativ kurzer Beziehungszeit schon sich selber und seinen Partner belügen, wenn er behauptet diesen immer noch zu lieben, oder er merkt, dass er es einfach nicht mehr tut. Auch erzeugt dieses traurige Missverständnis von Liebe, dass sie innerhalb der Familie und in Freundschaften nicht erfüllend gelebt wird. Die eigenen Kinder können beispielsweise mal phasenweise mehr eine Last, als eine direkte Bereicherung sein. Sie fordern einem manchmal Arbeit ab, die sehr anstrengend und stressvoll ist. Auch kriegen wir oft nicht die Anerkennung von Familienmitgliedern, die wir uns wünschen. Heißt das, dass wir sie deshalb nicht lieben? In der Familie sagt man immer ganz selbstverständlich, dass man sich liebt, egal was ist. Aber tut man das wirklich?
Die Welt wäre tatsächlich eine bessere, wenn es viel mehr Liebe geben würde, weil Liebe in Wirklichkeit etwas ganz anderes ist, bzw. sein sollte! Liebe bedeutet jemanden so sehr wertzuschätzen, dass man von tiefstem Herzen möchte, dass es diesem gut geht und man diesen akzeptiert so wie sie/er ist. Hierbei geht es einem um das Wohlergehen des eigenen Umfeldes und nicht primär um die eigene Bereicherung. Auch die Verbundenheit zu allen Wesen zu akzeptieren ist Liebe. Wir sind nämlich im Kern alle Teil eines großen Ganzen, weswegen Hass grundsätzlich fehlgeleitet ist.
Um die eigenen Gefühle darf und sollte es einem selbstverständlich bei dem Thema ‚Selbstliebe‘ gehen. Die eigene Gefühlswelt und sich selber so zu akzeptieren wie man ist, ist ebenfalls Liebe. Wenn wir uns abhängig von einem Partner machen, dann will da etwas in uns natürlich auch dadurch, dass es uns gut geht. Das innere System ist immerzu bestrebt uns gut fühlen zu lassen. Die Methoden die unser Gehirn verfolgt sind jedoch oft gut gemeint, jedoch nicht gut gemacht. Dies zu akzeptieren ist Liebe! Übrigens: Sich selber Vorwürfe machen, weil man glaubt sich selber nicht richtig zu lieben ist die eigentliche „Nicht-Selbstliebe“.
Liebe ist entweder empathische Akzeptanz oder eine aktive Handlung. Der Philosoph sagt: „Alles ist Liebe!“. Und tatsächlich, wenn man den Fakt nimmt, dass niemand morgens aufsteht und sich sagt: „Heute lasse ich es mir so richtig schlecht gehen!“, dann lässt sich feststellen, dass eigentlich jede Handlung immer zumindest die Absicht hat uns selber besser fühlen zu lassen. Dies zu reflektieren finde ich wichtig, weil es auch Empathie mit sehr schwierigen und gewaltvollen Menschen zulässt (Ohne diese in unserem Umfeld tolerieren zu müssen).
Zu erkennen und zu akzeptieren, dass man selber ein schwieriges Bild von Liebe und Beziehungen hat, ist Liebe. Dabei dürfen wir es aber nicht belassen und es müssen aktive Handlungen folgen. Auch wenn man sagen kann, dass jede Handlung im Kern aus Liebe heraus geschieht, ist dieser Gedanke nur praktikabel für empathische Erkenntnisse. Sind die Handlungen dysfunktional für unser Leben, müssen aus diesen Erkenntnissen konkrete Veränderungen des eigenen Verhaltens hervorgehen. Wenn wir wollen, dass es anderen und uns gut geht, dann tun wir auch etwas dafür. Manchmal kann man bei Anderen gerade nichts akutes dazu beitragen. Bei sich selber aber immer und zu jederzeit. Bei anderen erkennen wir schnell, wie sie sich selber ihr Leben verbocken. Bei sich selber aber anzufangen, ist das eigentlich schwierige. Meist sind es die Dinge, die sich so richtig gut anfühlen, die uns selber das Leben verbocken und uns davon abhalten einen gewünschten Zielzustand zu erreichen. Sex, Drogen, Zucker, Medienkonsum und Ähnliches sind die Dinge die unser Dopaminzentrum begehrt und welche einen hohen Drive in unserem Verhalten erzeugen. Diese werden aber sehr oft zur Betäubung der eigenen Gefühlswelt begehrt und halten uns davon ab, Tieferliegendes zu verarbeiten und wirklichen inneren Frieden zu erlangen. Dafür zu arbeiten, dass es unserem Umfeld und uns wirklich gut geht, erzeugt oft erst weit in der Zukunft gute Gefühle, dann aber welche die viel nachhaltiger und erfüllender sind.

Dinge zu tun, die sich zunächst schlecht anfühlen, die man aber als wertschöpfend und richtig empfindet, ist aktive Liebe! Ein ganz prägnantes Beispiel für diese aktive Liebe ist eine liebevolle Trennung oder ein liebevolles Fernbleiben. Wir alle sind unterschiedlich und manchmal tut man sich gegenseitig einfach nicht gut, oder passt einfach nicht zusammen. Eine Trennung oder ein Fernbleiben von einer Person aus dieser Erkenntnis ist der pure Ausdruck von Liebe zu dieser. Ein dramatisches, langanhaltendes und extrem emotionales „Low“ nach einer Trennung ist, wenn man mal knallhart ist, der Entzug von einem Menschen, von dem man sich drogenartig abhängig gemacht hatte.
Es ist wichtig zu erwähnen, dass tolle Gefühle im Miteinander natürlich etwas Schönes sind und sein dürfen und sollen. Liebe ist aber etwas, was man selber gestaltet. Ein Tun! Jemandem zum Beispiel das Gefühl geben, wirklich verstanden zu werden, und sei es bei trivialen Dingen, erzeugt auch nach vielen Jahren der Partnerschaft/Elternschaft/Verwandtschaft/Freundschaft/Selbstliebe noch Gefühle, die viel tiefergehender und nachhaltiger sind. Diese sind Gefühle, die im Herzen lokalisiert sind und weniger in der Bauchgegend. Im Bauch sind die aufregenden Gefühle verankert, die quasi immer verschwinden, nach den ersten Jahren einer Partnerschaft. Liebe mit dem Herzen, nicht mit dem Bauch! Und auch wenn die Gefühlswelt nicht unmittelbar die Handlungen reflektiert; Wer in seinem Handeln und Tun sich aufrichtig für das Wohl anderer und sich selbst bemüht, der praktiziert Liebe und dessen Leben ist erfüllt davon. Wir alle verdienen diese Liebe, ohne dafür kämpfen zu müssen, weil jeder von uns gut ist so wie er ist!

